Der Magische Salon
Unter dieser Rubrik finden Sie Texte zum Thema KULTUR. Der Magische Salon war vor einigen Jahren für einige Jahre eine meiner Veranstaltungen (am Stadttheater Fürth), in denen ich eigene und fremde Texte auf der Bühne gestaltete. In diesem Sinne will ich – auch ohne gerade aktiv auf der Bühne zu stehen – eigene und fremde Texte, ab und zu auch einmal Bilder interessanter KünstlerInnen vorstellen.
20. Dezember 2011
Fest verwurzelt fliegen können
Die Zeiten, da wir wieder zueinander stehen
nun habe ich lang genug Theaterpause gemacht. Es ruft und lockt wieder. In diesem nächsten, so besonderen Jahr führe ich am Schlangenberg mitten im Labyrinth das Mysterienspiel "Fest verwurzelt fliegen können" auf. Und hoffe auf zahlreiche Teilnehmerinnen, die an der Aufführung teilnehmen. Wer mitmachen will - ihr müsst keinen Text sprechen und nicht kompliziert schauspielern. Es ist einfach zu lernen. Und dann hoffe ich natürlich auf zahlreiche ZuschauerInnen. Der Termin der Aufführung steht schon fest: 18. August. Die Teilnehmerinnen arbeiten sich ab dem 15. August ein. Näheres kommt mit meinem Jahresprogramm, das Mitte Januar ausgesendet wird.
7. Dezember 2011
ein kleiner Trailer über den Magischen Salon aus dem Jahre 2006
5. Dezember 2011
Die Murfrau
ich habe mich entschieden, den Mitschnitt des Theaterstücks "Die Murfrau", das ich 2007 an den Ufern der Mur an der Schiffsmühle in Mureck aufführte, ins Netz zu setzen. Regie führte Matthias Eberth.
12. Oktober 2011
Hummer á l´americaine und zwei Legenden in einer Silvesternacht
Sie war von ewiger Schönheit in ihrem roten Kleid und ihren wasserstoffblonden Haaren. Legenden welken nicht. Er war unvergänglich in seinen besten Jahren, umgeben von einem Hauch Abendteuer und Tristesse. Der Tisch, an dem sie saßen, war zu einem Kunstwerk gedeckt, feines Kristall, schimmernder Damast, Kerzen, Blumen. Dem Anlaß angemessen. Es war Silvester. Der Schauplatz war ein Nirgendwo, vielleicht zwischen Bahngleisen, über die einst der Orient- Express nach Istanbul fuhr, möglicherweise aber auch der Zug von Cincinatti nach New York. Ganz sicher aber war es ein Ort, von dem die Träume in die Welt ausgeschickt werden. Er erzählt ihr die alten Geschichten aus Spanien und Venedig, von den langen Nächten in Harry´s Bar, von Sonnenuntergängen auf dem Kilimandscharo, von den vergangenen Zeiten, als die Schreibmaschine sein bester Freund gewesen war. Während sie zuhörte, war ihr Blick gedankenverloren, als grübelte sie noch immer, warum sie eigentlich Joe D Maggio verlassen hatte. In ihrem Haar schimmerte das alte Hollywood, ein Ort, den er nie gemocht hatte. Ihre Hände zerbröselten die knusprigen Baguette.
Seine Hände zerteilten geschickt den Hummer, knackten die Scheren, lösten das weiße, an den Rändern flamingorote Fleisch aus und legten von den in Weißwein, Petersilie und Estragon gedünsteten Tomaten nach. „Ernest“, sagte sie mit ihrem unnachahmlichen Timbre, in dem ein wenig von „My heart belongs to Daddy“ und Violinen aus dem Off mitschwangen. „Ernest, hast du einen Wunsch für diese Silvesternacht?“ Er lächelte mit einer müden Milde und antwortete: „ Wer mit Marilyn bei Hummer à l´americane sitzt, der hat den Zustand der Wunschlosigkeit erreicht.“ Ganz fern am Horizont stieg eine Silvesterrakete auf, entfaltete ihre Blüte und ließ dann blutrote Feuerfunken niederregnen. Marilyn kicherte, wie nur kurzsichtige Frauen kichern können. „Du hättest Meersalz verwenden müssen. Und Schalotten. Und weißen Pfeffer“, sagte sie leichthin und nahm noch von dem wilden Reis. Er lachte – man hätte es beinahe dröhnend nennen können -, jedenfalls lachte er auf eine Weise, die nicht zu seinem Smoking passte. Eher zu Leder und Erde. Vielleicht hätte er gern Damast, Silber und Kristallgläser eingetauscht gegen ein Zelt in der Savanne und Kaffee aus verbeulten Blechnäpfen. Paradiese werden stets im Zug auf dem gegenüberliegenden Gleis vermutet. Über diese Dinge wusste Marilyn mehr als er.
Was ihm fehlte, was die liebevolle Ironie der Selbstbetrachtung. Ein Hauch von Parodie. Etwas, das sie so souverän beherrschte wie eine Königin ihr Reich. „Weißt du“, sagte er, und es war klar, dass er diese Geschichte schon oft erzählt hatte, Jäger- und Siegergeschichten, wie sie die Männer gern erzählen. „Da war dieser Abend in Harry´s Bar in Venedig. Ich wollte Hummer essen. Es war Frühjahr. Es war am Mittelmeer. Da hab ich ihnen von den Hummern aus meiner Heimat erzählt. Was soll ich dir sagen, es wurde immer komplizierter mit der Sprache. Da hab ich mir kurzerhand eine Schürze umgebunden, bin in die Küche marschiert und hab mir den Hummer selbst zubereitet.“ Ihr Lächeln wurde nachsichtig. „Das Problem ist eher, dass ein Hummer zuviel für einen und zuwenig für zwei ist“, sagte sie und hob ihr Glas. „Auf ein wunderbares ... welches Jahr haben wir jetzt?“
„Was spielt das für eine Rolle?“, erwiderte er. „Diese Art von Zahlen bedeuten mir nichts.“ Und während sie den Song zu summen begann, der aus „River with no return“ stammte, stieg am Horizont eine Rakete auf und entfaltete blutrot ihren Lichterregen.
9. Oktober 2011
Gezeiten
Sie sagte:“ Wir stehen uns auf der Achse der Sehnsucht gegenüber.“
„Sehnsucht wonach?“ fragte er.
„Haben wir nicht Sehnsucht nacheinander?“ war ihre Gegenfrage.
„Wonach hast du Sehnsucht, wenn du dich nach mir sehnst?“ insistierte er.
„Nach all dem, was ich nicht bin“ sagte sie. „Wie das Meer, das gegen das Ufer rollt und an die Felsen schlägt, spüre ich mich, wenn ich bei dir bin. So gibst du mir Wirklichkeit, meine Wirklichkeit. Du erzählst mir von der Welt der Felsen wie ich dir von der Welt des Wassers erzähle.“
„Ein schönes Bild“ sinnierte er und legte den Kopf in ihren Schoß. „Aber Wasser und Fels können sich nie vereinigen.“
„Nein“ sagte sie. „Das können sie nicht.“ Und nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu:“ Und sie wollen es auch nicht.“
„Sicher?“ sein leises dunkles Lachen verschwand zwischen den Falten ihres Kleides.
Sie legte ihre Hand auf seinen Kopf und beobachtete seine scharf geschnittenen Nasenflügel, die sie immer wieder bezauberten.
„Was ist dann der Sinn der Liebe?“ beharrte er.
„Die Aufgabe, Schönheit zu erkennen“ antwortete sie. „ Die Aufgabe, Schönheit zu bewundern, zu feiern, zu besingen. Das Meer ist von der Schönheit des Ufers überwältigt.“
„Und umgekehrt“ sagte er.
„Und umgekehrt“ lächelte sie. „Du siehst, warum sie niemals eins werden dürfen?“
„Aber die Sehnsucht nach der Vereinigung bleibt.“ sagte er.
„Ja,“ sagte sie. „Die Sehnsucht bleibt. Sie bleibt und hält die Liebe am Leben. Allerdings nur, wenn es die Zeiten von Ebbe und Flut gibt. Wir müssen die Sehnsucht lieben und müssen die Liebe lieben. Sie sind die Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, die Felsen und Wasser verzaubern.“
Seine Hand griff nach der ihren.
6. Juli 2011
Die Murfrau
Das Stück "Die Murfrau" habe ich im Sommer und Herbst 2007 an den Ufern der Mur in Mureck bei der Schiffsmühle aufgeführt. Ein Monolog - Matthias Eberth vom Bayerischen Staatsschauspiel führte Regie - der auf der Legende der Flussfrauen basiert. Die Murfrau habe ich eines Nachts erfunden, als ich zu einer Lesenacht für VolksschülerInnen (GrundschülerInnen) eingeladen war und meine beiden männlichen Mitautoren nichts als dämlich blutrünstige Geschichten von sich gaben. So erzählte ich den Kindern, dass auf dem Grunde der Mur eine Frau lebt, die nur in machen Vollmondnächten ans Ufer kommt. Und dann erfüllt sie dem, der dann dort ist, alle Wünsche.
Nachdem meine Arbeit bei und mit dem Stadttheater Fürth im Frühjahr 2007 beendet war, gab es einen großen Schmerz zu bewältigen, denn mit dem Ende des Magischen Salons in Fürth kam auch das Ende einer großen Liebe und es begann, wie immer in solchen Zeiten, die gnadenlose Öffnung der Augen. In dieser Zeit schrieb ich die Murfrau und realisierte sie selbst auf der Bühne. Nicht einfach, fast zwei Stunden Text ohne den Halt von BühnenpartnerInnen. Es war wundervoll. Wir servierten ein viergängiges "Flussmenü" und dann kam die Murfrau......Das Stück hieß: Sie sehen mich hier sitzen. Einst hat die Murfrau einen Fischer geliebt, dem sie schenkte, was er sich wünschte: Macht, Ruhm, Geld. Er gab dafür sein Versprechen, dass er einst mit ihr auf dem Grunde des Flusses leben wird. Und nun wartet sie darauf, dass er kommt. Vergeblich, was sie aber (noch) nicht weiß. Hier ein kleiner Auszug aus dem Monolog:
Eintauchen. In das Wasser, in die Leichtigkeit, fallen lassen,
loslassen, tanzen wie ohne Körper, wonach rufen wir, wenn wir rufen?
Nach dem Glanz.
Der Himmel wirft seine trüben Netze aus, denen wir entkommen.
In den Glanz.
Eine Zuflucht gewährt uns der Glanz. Eine sichere, warme, geborgene Zuflucht.
Der Hunger wird niemals gestillt. Die Gier ist ins Wasser geschrieben wie in Granit gehauen.
Die Gier nach dem Glanz, nach dem Schönen, Glatten, glänzenden Glanz.
Lass uns deine Wirklichkeit zerreißen,
wir, die Träumenden, brauchen solche Wirklichkeiten nicht.
Das ist nur ein kleines Opfer, das ich von dir verlange,
klein, ohne Bedeutung.
Lass alles los, dein Geld und die Macht und den Respekt und den Ruhm und dein Auto und dein Haus und deine Familie, deine Freunde, dein Essen, deinen Wein, deine Wahrheiten, deine Ansichten, deine Überzeugungen, deine Gewohnheiten, vor allem deine Gewohnheiten. Schließe die Augen und du findest den Raum erfüllt mit Licht und Glanz, einem goldenen Glühen, es wird sein, als ob du die Welt zum ersten Male siehst in all ihrer Schönheit. Komm! Komm doch! Komm!
Die Spiele, die wir erfinden werden, die ich dir erfinden werde !
Gurgelndes Lachen.
Hast du mal versucht, im Wasser so gurgelnd zu lachen, dass die Spaziergänger am Ufer erschrecken?
Oder wir schwimmen bis ins Schwarze Meer. Von hier in die Drina, von der Drina in die Donau und von ihr lassen wir uns ins Schwarze Meer tragen und von dort geht es über den Pontus weiter bis ins Mittelmeer. Direkt hinein ins tiefste Blau. Ich könnte dir unterwegs Geschichten erzählen. Ich kenne ganz unglaubliche Geschichten.
Wenn du wüsstest, welche Geschichten man erfährt, wenn man den Leuten zuhört. Einfach nur zuhört, was sie so reden. Wenn man sie beobachtet. Man muss nicht einmal wirklich zuhören. Allein schon, wenn man genau hinschaut. Sie dürfen natürlich nicht merken, dass man sie beobachtet, anstarrt. Dann wäre alle Unschuld dahin. Dann zeigen sie dir nur noch ihre Masken. Und nichts bleibt, was ich in mein Zauberbuch schreiben könnte.
Dieses Zauberbuch.
Lass uns alle meine Zauberbücher verbrennen.
Wir, die Träumenden, brauchen keine
Zauberbücher.
Gefallene, versunkene Engel, die wir sind.
Du bist.
Es gibt dich doch.
Ich suche dich.
Ich, die ich die Ewigkeit bin, suche dich.
Und finde dich.
Und flüstere dir ins Ohr
Von deinen Träumen, die du einmal hattest.
Weißt du noch?
Was ist aus ihnen geworden, aus deinen Träumen.
Weißt du noch?
Da warst du noch ein junger Mann,
stolzer wilder junger Mann
Deine Träume, deine Träume, deine Träume.
Ich kenne sie alle. Du hast mir von allen erzählt. Weißt du noch?
Muss ich noch fragen, was du mit ihnen gemacht hast?
An diesem Tag, als ich dir deinen größten Wunsch erfüllt habe, da blieb auch noch der letzte, der aller-aller-allerletzte Traum auf der Strecke.
Jetzt, heute holen wir sie alle zurück deine verlorenen Träume
Du wirfst dieses langweilige Leben ab wie einen alten Mantel, den du nicht mehr brauchst.
Du hast dich nicht immer so gefühlt. So betäubt.
Du siehst also, was sie dir eingetragen haben, die letzten neun Jahre?
Erfüllte Wünsche.
Immer leiden wir heute unter den Erfüllungen unserer Wünsche von gestern.
Träume. Ja Träume sind natürlich etwas ganz anderes.
Träume führen dich in Neptuns Spiegelsaal
Sie bringen dich auf den Grund der Mur.
Wenn die Welt wie unsere Träume wäre..
Dann wäre es eine Welt, die von einem gütigen Gott erschaffen wurde.
Vielleicht gäbe es dann auch noch Not und Elend
Und Lug, Verrat, Hass, Neid und Schmerz.
Aber dann wüssten wir, wir Kinder dieser Welt, die ein gütiger Gott erschaffen hat,
dass dieser gütige Gott schläft.
Dann müssten wir lärmen und die Glocken läuten und schreien und tanzen bis er erwacht
Bis er unsere Hoffnungen aus der Verlorenheit rettet.
Und alle die, die so wie du, du Veteran deines eigenen Lebens
mit deinen erfüllten Wünschen,
die ihr in euren sicheren Häusern in euren sicheren Betten liegt,
in der sicheren Gewissheit dass der gütige Gott schläft, müssten auch erwachen.
Dann lass ich den Wind aufheulen
Und gegen dein verschlossenes Fenster schlagen.
Und du
verharrst
in der Finsternis dahinter
Voller Angst, endlich endlich voller Angst
Vor mir, die ich dir alles gegeben habe.
30. Mai 2011
Das philosophische Gastmahl
Sokrates hielt sie ab, die philosophischen Gastmähler. Und im Grunde hat es sie in der griechischen Tradition seither immer gegeben. Wir hier am Schlangenberg haben in den vergangenen Jahren immer wieder zu einem philosophischen Gastmahl geladen. Da sitzen dann Menschen an einem reich gedeckten Tisch mitten in der Wiese mit Blick auf die Koralpe und werden bei wunderbarer Musik mit einem sechs- bis achtgängigen Menü bedacht. Wohlgemerkt Haubenqualität. Und bekommen ein Thema vorgesetzt bei strengem Smalltalk-Verbot. Im vergangenen Jahr hatten wir keine Gelegenheit, einzuladen. Zu sehr kämpften wir auf breiter Front für den Erhalt des Schlangenberges und gegen so manchen Dunkelhut. (Dunkelhüte sind üble Machtburschen, die versuchen, ihnen unliebsame Mitmenschen mit unlauteren Mitteln zu ruinieren). Aber weil wir auf beinahe allen Schauplätzen begonnen haben, zu gewinnen und weil uns das Schicksal wieder gnädig ist, lade ich heuer, in diesem Jahr immerhin zu einem philosophischen Gastmahl auf den Schlangenberg. Es ist völlig klar, dass das Thema so lauten muss: Die Macht des Schicksals.
Die gleichnamige Verdi-Oper mit ausgewählten Arien wird uns begleiten. Termin: 6. August 2011. Beginn 19.00 Uhr. Bis 18.00 Uhr müssen sich die Gäste eingefunden haben. Anmelden dürfen sich die, welche Lust und Achtsamkeit haben, sich allen Facetten dieses Themas zu stellen in einem wohltemperierten Tischgespräch; in einer heißen Diskussion; mit amüsanten Bonmots und vielleicht sogar interessanten Geschichten. Für die von weiter her anreisenden TeilnehmerInnen reservieren wir gern in entsprechenden Gasthäusern, Hotels der Umgebung von Gnas bis Bad Gleichenberg. Die Teilnahme kostet einschließlich Menü und entsprechender Weinabfolge mit den köstlichen Weinen unseres Nachbarn Weinhof Rossmann 65 Euro pro Person. Rezepte der genossenen Speisen gibt es natürlich gratis mit dazu.
17. Mai 2011
Halten Sie für einen Augenblick inne
Für einen kleinen Augenblick nur. Geben Sie Ihrem Gehirn die Ruhe dieses Moments. Es geht um nichts. Auch diese Worte, die Sie hier gerade lesen, enthalten keine Botschaft. Es gibt nur das Kommen und Gehen Ihres Atems. Stille. Sollten Geräusche um Sie herum zu hören sein, treten sie in den Hintergrund. Lärm ebbt ab. Ruhe. Ganz ruhig. Nichts. Das Nichts.
Darf ich Sie noch um etwas bitten? Lassen Sie die Gedanken-CD in Ihrem Kopf laufen, einfach nur laufen, ohne sie zu beachten. Achten Sie auf Ihren Atem, wie er kommt und geht. Kommt und geht.
30. April 2011
Der König und die Magierin
Manche Dinge muss man heutzutage erklären. Die folgende Geschichte hat nichts mit irgendwelchen Royals, die irgendwo irgendwen heiraten, zu tun. Ich habe sie vor einigen Jahren für den König von Fürth geschrieben. Sie wurde in dem Magischen Salon vorgelesen, der den Titel „in venus veritas“ trug. Das eine oder andere Detail mag der Leserin aus „der weise Leichtsinn“ bekannt vorkommen.
Sie geht so:
Es war einmal ein König, der war ein guter König, und er war schon recht lange König, so dass die Menschen in seinem Reich gut und irgendwie zufrieden lebten. Sie nannten ihn den eisernen König, den Felsen, den Unerschütterlichen.
Er hatte eine Königin, die war eine gute Königin, und einige Prinzen und Prinzessinnen hatten sie auch.
In seinem Reich gab es einen geheimen Platz, von dem die meisten seiner Untertanen nichts wussten. An diesem Platz sammelten sich in machen Nächten die Narren, die Wilden, Die Rattenfänger, die Zauberer und Scharlatane, die Lügner und die Traurigen. Es war des Königs eisern gehütetes Geheimnis, dass er sich zuweilen unerkannt unter sie mischte und schweigend mit an ihrem Feuer saß, wo er ihren Geschichten lauschte, ihrem Gelächter folgte und ihre Hunde streichelte. Noch Tage danach entströmte seinen Haaren dann ein feiner Duft von Holzrauch.
Als er wieder einmal von einem großen Feuer und lautem Lachen träumte, machte er sich in der folgenden Nacht wieder auf den Weg zu diesem geheimen Platz. Und wie erwartet brannte ein Feuer, jedoch war niemand zu sehen.
Er trat näher und schaute sich suchend um. Da sah er eine Frau sitzen, die ein elegantes schwarzes Abendkleid trug.
Sie sagte: Ich habe auf dich gewartet, König.
Wer bist du, wollte er wissen.
Aber sie schaute ihn nur an und schwieg.
Woher weißt du, dass ich der König bin, fragte er weiter.
Sie lachte.
Da wandte er sich zum Gehen.
Bleib, bat sie ihn. Ich sagte schon, ich habe auf dich gewartet.
Und so blieb er. Abwartend und vorsichtig.
Aber er blieb.
Du bist geheimnisvoll, sagte er.
Das bin ich in der Tat, antwortete sie. Ich bin dein Geheimnis. Ich habe etwas, das dir fehlt.
Natürlich fragte er sie, was das denn sein könne. Er habe alles, was er brauche. Ein Land, eine Königin, Prinzen und Prinzessinnen, Verantwortung, Arbeit, die Vorratskammern seien gut gefüllt, das Land lebe in Frieden. Und hin und wieder komme er hierher zu den Narren, den Wilden. Er wisse wirklich nicht, was sie....
Da lachte sie wieder und schlug den Saum ihres Kleides zurück. Unter dem schwarzen Stoff blitzte ein leuchtend rotes Unterfutter heraus.
Das fehlt dir, sagte sie.
Wie er auf den roten Stoff blickte, fing sein Herz an zu klopfen und es war ihm, als bebte die Erde unter ihm. Seine Hände begannen zu zittern und sein Atem ging so heftig, als sei er viele Kilometer gelaufen.
Das fehlt dir, wiederholte sie.
Wer bist du, fragte er.
Nur eine ganz gewöhnliche Magierin, antwortete sie.
Was dann geschah in jener Nacht wurde niemals erzählt, nur so viel, nur heute und hier: Im Augenblick ihrer größten Ekstase berührte sie sein Herz und es flossen alle Geschichten, die jemals geschrieben wurden und werden, hinein.
Dort blieben sie für immer. Und sie nannten ihn von da an den schönen König, den Strahlenden, den Mutigen, Kühnen, den Goldenen, den Liebenden, den Geliebten.
Die Könige, sagt man, holen das Gold der Sonne zu den Menschen herab. Durch sie werden die Menschen vom Gold der Sonne berührt. Aber es braucht ein nächtliches Feuer der Liebe, um es zum Leuchten zu bringen.
24. April 2011
Drunter und Drüber
Furie wird man nicht so leicht. Altwerden alleine reicht da nicht. Weise sein auch nicht. Wenn Sie Furie werden wollen, müssen Sie das Drunter und Drüber dieser Welt aushalten. Eigentlich müssen Sie es sogar mitgestalten, wenn nicht gar schamlos anzetteln.
Man kennt das ja eigentlich eher umgekehrt. Da wird einem immer nahe gelegt, kürzer zu treten. Noch kürzer? Wenn Sie jetzt noch kürzer treten, sind Sie bei so kleinen Trippelschritten angelangt, dass Sie wahrscheinlich demnächst vornüber auf die Nase fallen.
Nein, nein, das geht ganz anders. Sie müssen anfangen, die Bremsen zu lockern. Müssen die Scham in sich töten. Müssen die Angst toten. Dieses zahllose "Ich kann nicht", "Man tut nicht", "Wie sieht das denn aus"; "Ich muss zuerst noch...". Bringen Sie das alles um!
Dann müssen Sie die Liebe öffnen, das Wahre öffnen. Keine Heimat mehr nötig haben. Nicht mehr gefallen müssen. Nie mehr gefällig sein.
Und dann kann's losgehen.
Dann lernen Sie, die richtigen Fragen zu stellen. Feuerspeiende Drachenfragen. Irritierende Sphinxfragen. Klare Fragen echter Verantwortung.
Furien haben eine Menge Spaß im Leben.
Der Job ist Klasse. Macht aber viel Arbeit.
(Aus: Aliti, Der Magische Salon)
20. April 2011
Zum Hinschauen
Heute möchte ich die Bilder einer Künstlerin vorstellen, die vor kurzem mit einem bemerkenswerten Zyklus an Selbstportäts an die Öffentlichkeit gegangen ist. Ihr Name: Eva-Maria Gugg. Ihr link:www.evamariagugg.at
Ihre Bilder werden im kommenden Herbst während der 4. steirischen Gesundheitstage in Bierbaum am Auersbach ausgestellt werden.
19. April 2011
Ein Abend in der "Galleria"
Lange und gewundene Wege führen uns hierhin und dorthin. Wir nennen das Leben. Wir gehen diese Wege, und die meiste Zeit wissen wir nicht, wohin es uns führt, dieses Leben. Und dann gibt es diese wenigen und bis zur himmelschreienden und sprachlosen Überraschung reichenden kurzen Augenblicke, da können wir erkennen, worum es ging, all die Zeit, die wir auf diesen langen und gewundenen Wegen Schritt für Schritt gegangen sind. Das sind Augenblicke, die sich nicht festhalten lassen. Wir suchen sie vergebens in den Fotos, die wir immer dann machen, wenn wir glauben, etwas Wichtiges geschähe gerade jetzt und müsse bewahrt werden. Aber das sind meist Ereignisse, die lange vorbereitet, geplante Außergewöhnlichkeit erzeugen. Dies hat die Qualität von Premieren oder Geburtstagen oder Hochzeiten. Ich meine hier jedoch ganz andere Ereignisse, die ganz und gar nicht spektakulär sind. Man kann sie nicht bewusst herbeiführen, kann sie nicht ausstatten, auch sind sie nicht zu feiern. Niemand ist vorbereitet, wenn sie geschehen.
Als ich der Sängerin Jutta Czurda zum ersten Mal begegnete, war sehr bald vom Magischen Salon die Rede. Ich weiß nicht mehr, wann wir begannen, ihn auszuhecken. Es hatte so etwas Folgerichtiges. Obwohl wir noch nicht einmal im Einzelnen wussten, was wir tun wollten, erschien es uns angebracht, es dem Intendanten des Stadttheaters Fürth vorzustellen. Jutta arbeitete schon länger an dieser Bühne, und so war es naheliegend.
Und so saßen wir dann an einem frühen Februarabend in einem Restaurant mit dem Namen Galleria und warteten auf ihn. Als Werner Müller leicht verspätet erschien, brachte er einen Wirbel an Intendanten-Geschäftigkeit mit. Doch von dem Augenblick an, an dem er sich zu uns an den Tisch setzte, fiel eine Tür leise und unhörbar ins Schloss und der Wirbel an Terminen-Besprechungen-Telefonen-bleiben-in-Kontakt-Sie- hören-von-uns löste sich auf. Auf einmal öffnete sich ein neuer Raum, wuchs eine Rosenhecke um die Burg Tintagel; verdichtete sich alle Energie und das Spiel nahm seinen Lauf. Er war die dritte Kraft, die benötigt wurde, um die Harmonie und den emotionalen Gleichklang von Jutta Czurda und mir dazu zu bringen, sich in die Raserei des Theaterschaffens zu begeben. Ich meine diese unvergleichlichen Zustände, die jeder am Theater kennt. Einerseits verengt sich die Wahrnehmung zum Tunnelblick, der nur auf die Premiere gerichtet ist; andererseits begibt man sich in die detailbessene Schinderei der Proben wie in einen Kokon, der weder zukünftige Zuschauer noch Kritiken kennt, während die Endorphine ohne Ende in diesem Spannungsfeld frei Haus geliefert werden.
Da saßen wir nun und redeten, hörten zu, entwarfen, verwarfen. Es war eine Nacht des fröhlichen Größenwahns. Wir bestellen Essen, das wir meinem Hund Sully unter den Tisch reichten. Wir waren auch so ausreichend genährt. Wir hatten Rotwein in den Gläsern, den wir nicht tranken, denn er war nicht annähernd so berauschend wie die Energie, die um uns entstand und uns mit sich riss. Drei Profis, jeder auf seinem Gebiet, die so leicht nichts mehr umhaute, in Erfahrung gereift, wie sie halt dazugehört, wenn man dem Leben nicht ausweicht. Aber an diesem Abend nahm sich die Unschuld unserer wieder an. Ein Einhorn galoppierte durch die Galleria. Ich hatte ganz vergessen, dass es diese Wesen wirklich gibt. Zu lange hatte ich in Welten gelebt, in denen es ganz normal war, täglich Einhorn-Steak auf dem Teller zu haben.